Mainz, wie es singt und lacht

Stark tätowierter Mann, der in der Supermarktschlange hinter mir steht: “Schön Vitamine esse gell?! Also mei Dand, die hat immer Nudella ausm Glas gelöffelt, die is vielleicht aufgange in der Schwangerschaft, hohoho..”

Frau am Fahrradständer: “Oha.”
Ich schweige und schaue verwirrt.
“Dauert nicht mehr lang, was?”
“Naja, noch vier Wochen.”
“Hach sehen sie, ist doch interessant, wie unterschiedlich sich die Bäuche entwickeln. Also bei meiner Freundin, die hat in zwei Wochen Termin, die sieht immer noch aus als wär sie grad mal im 5. Monat. Bei Ihnen hat man ja den Eindruck, es fällt gleich raus.”

“Also isch hatt ja drei Kaiserschnitt. Der dridde war ned so groß, des wär aach so gegange, aber nach zwo mal Sectio is der Käs halt aafach gerollt.”
Seitdem besteht irgendwo in meinem Hirn eine irritierende Verbindung zwischen Säuglingen und Handkäs.

Fast alles da

schrankbelegung

Plan: Wir ziehen dem Kind jeden Tag was anderes an, dann werfen wir alles weg und gehen zur nächsten Größe über. Will sagen, ich hoffe er hat jetzt genug Anzuziehen, zumindest hat er schonmal mehr als ich. Das meiste haben wir geschenkt bekommen, ein bißchen hab ich selbst gemacht. Man darf dankbar sein.

(Der Schrank ist eine familieninterne Leihgabe, unser übliches Niveau, was Möbel angeht, ist das nicht.)

Baby Steps – Creadienstag

Ich habe da eine Nähmaschine geerbt. Leider kann ich das Gerät noch nicht so gut bedienen, wie ich gern würde, trotzdem ist in den letzten Wochen einiges an Gebastel entstanden, so dass ich endlich auch mal an so einer Blogsammlung teilnehmen kann. Juchhee!

Zunächst das Projekt für die gute Hausfrau: Ein Paar Topflappen nach dieser Anleitung. Das Rezept ruft nach “heat-proof batting”, aber wenn ich anfange, heat-proof batting zu besorgen, kann ich mir gleich ziemlich gute Topflappen kaufen, deswegen habe ich ersatzweise ein besonders ungeliebtes Handtuch verwendet. (Dann war ich eine Weile stolz, das Ding verwertet und nicht weggeworfen zu haben, nur um am Wochenende noch ein zweites Exemplar in der gleichen unsäglichen Farbkombination zu finden).

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Die fertigen Topflappen sind vermutlich etwas steifer, als sie mit dem korrekten Volumenvlies geworden wären und man sieht durch den Stoff der Vorderseite je nach Lichteinfall das Handtuchmuster:

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Kostenpunkt pro Topflappen ca. 2 Euro für buntigen Patchworkstoff. Kann man immer noch ziemlich gute Topflappen von kaufen, sind dann aber nicht selbst gemacht und die Anzahl häßlicher Handtücher im Schrank hat sich auch nicht geändert.

Inspiriert von Ms Fisher (die meine Abneigung gegen allzu herzige Kinderkleidung zu teilen scheint, es aber mit einem Mädchen in dieser Hinsicht vermutlich noch schwerer hat) und nach der Anleitung von Schnabelina habe ich noch ein paar Bodies und Pullover aus nicht mehr getragenen T-Shirts von mir und/oder S. hergestellt:

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Zu den Bodies gibt es eine Videoanleitung, mit der sogar ich die Dinger bewältigen kann, ohne eine einzige Naht wieder auftrennen zu müssen. Großes Plus.
Unten rechts außerdem ein Pucktuch aus “Simple Sewing for Baby” von Lotta Jansdotter, ich habe den Schnitt irgendwo kostenlos runtergeladen, weiß aber nicht mehr wo. Das Gelbe war mal ein Fleecepullover von mir, das bunte ist wieder überteuerter Patchworkstoff vom Kaufhof.

Und dann habe ich mich ein bißchen weiter vorgewagt und aus einem Stoffrest, einem verfilzten Pullover und dieser Anleitung ein Jäckchen fabriziert:

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Auch das ist eine Anleitung, der ich mit etwas gutem Willen auf Anhieb folgen konnte. So richtig schief gegangen ist bei Projekten nach Purlbee überhaupt noch nichts, obwohl ich dazu neige, die Anleitung nur halb zu lesen und dann zu denken, ich hätte es kapiert (was in frustrierender Materialverschwendung und guten Vorsätzen zu enden pflegt).
Wenn ich in ferner Zukunft mal wieder ein Vorstellungsgespräch habe, werde ich versuchen, das als großen pädagogischen Effekt des ansonsten vergleichsweise unsozialen Handarbeitshobbies zu verkaufen.

So es der junge Herr will geht es nächste Woche mit Wohnungsumbauaktivitäten weiter, vorher noch mindestens ein schöner Antrag. Soll ja spannend bleiben.

Es gibt noch allerhand mehr Gebastel unter www.creadienstag.de!

Emanzipation

Seit ein paar Tagen befinde ich mich ständig etwas unwohl. Gemütlich ist das nicht und so richtig Lust hab ich auch keine mehr. Diesen Zustand möchte ich nutzen, um den Erfindern zuverlässiger Verhütungsmittel meinen tief empfundenen Dank auszusprechen, bevor es mir wieder besser geht und ich alles vergesse. So wie es mir jetzt geht, wäre ich nicht mehr in der Lage, sogenannte Männerarbeit zu verrichten, bzw. alles, was mit Heben, Tragen oder auch nur zügig durchs Büro marschieren zu tun hat. Glücklicherweise kann ich das mit einer gewissen Entspanntheit nehmen, weil ich weiß, dass es nicht nächstes Jahr wieder so sein wird, und das Jahr danach und das danach, bis mich die Wechseljahre erlösen.
Man muss sich für solche Zustände nicht in graue Vorzeit oder islamistische Gesellschaften versetzen, schon die katholische Kirche, Grundpfeiler der Gesellschaft, gesteht mir so viel Freiheit nur widerwillig zu. Das Ausmaß dieser Einschränkung wird mir erst jetzt klar, man versteht halt doch nur, was einem bis ans Leben geht. Dürfte ich nicht verhüten, ich wäre an meinen Mann gefesselt, unfähig, selbst Geld zu verdienen, weil ständig entweder schwanger oder säugend. Wenn ich dazu noch den falschen Mann geheiratet hätte und mich nie mehr scheiden lassen dürfte: da läuft es mir schon bei der Vorstellung eiskalt den Rücken runter.

In diesem Sinne mit einer Verneigung vor Alice Schwarzer und Ludwig Haberlandt ins Wochenende.

Das Gegenteil von gut ist gut gemeint

Ratgeber lesen nervt. Ich bin sowieso nicht die größte Freundin von Ratgeberliteratur, aber man  hat beim Thema Schwangerschaft und Geburt den Eindruck, das sei ohne Ratgeber gar nicht zu
schaffen. Was im Grunde genommen nur Blödsinn sein kann, es ist nicht das erste Mal, dass ich
etwas zum ersten Mal mache, und sich dabei an Ratgebern zu orientieren schadet nach meiner
Erfahrung mehr, als es nützt. Man nehme als Beispiel nur die Ratgeber zu Vorstellungsgesprächen, in denen empfohlen wird, sich bis zur Unkenntlichkeit zu verkleiden und als eine fremde Person auszugeben. Man fühlt sich dann während des Gesprächs furchtbar unwohl und wundert sich hinterher, warum man jetzt einen Job angeboten bekommt, der nicht zu einem passt. Ich vermute, dass es mit den Ratgebern zur Schwangerschaft genauso ist, aber da geht es gefühlt immer gleich um Leben und Tod (oder das Abitur), wenn man was falsch macht.

Ich habe also in diverse Ratgeber reingeblättert und mir sogar mal “Die Hebammensprechstunde” aus der Stadtbücherei ausgeliehen. Was gut war, weil mich das ständige Empfehlen von Duftölen gegen handfeste Leiden (Pilzinfektionen, Blasen- und Darmgeschichten) auf Dauer wahnsinnig
gemacht hätte, so konnte ich das Buch wenigstens zurückgeben. Allen Ratgebern gemein ist, dass
sie es für ihre Pflicht zu halten scheinen, einen auf alle möglichen Probleme hinzuweisen, auf
die man sonst gar nicht gekommen wäre bzw. die ich nicht mit der Schwangerschaft in Verbindung
gebracht hätte. Schon seit langem könnte ich an massiver Verstopfung, Krampfadern und
Stimmungsschwankungen herumkurieren, sowie an einem der weiter hergeholten Probleme:
Plattfüßen. Tu ich aber nicht. Das einzige, das ich tatsächlich habe, sind widerliche
Rückenschmerzen. Ich habe sie anhand von diversen anatomischen Zeichnungen dem “breiten
Rückenmuskel” zugeordnet, er fängt etwa zwischen den Schulterblättern an und führt bis vorne an
die Rippen und kann entsprechend breit gefächert schmerzen. Das hilft aber auch nicht.

Zur Entspannung habe ich mir trotz der Ratgeberabneigung “The idle parent” angeschafft, in dem
es auf ca. 250 Seiten darum geht, bei der Kinderaufzucht möglichst wenig Arbeit und
Schuldgefühle zu haben. Ich mag nämlich zum Beispiel kein Lego und fühle mich deswegen schon
jetzt schlecht. Und falls mir jemand die Schönheit eines Indoor-Spielplatzes erläutern kann,
möge er sich bitte melden, ich stelle mir darunter eine intensive Form der psychischen Folter
vor. “The idle parent” gesteht mir dazu als einziges mir bekanntes Buch das Recht zu.

Der merkwürdigste Kauf war bisher “Es geht auch ohne Windeln”, das ich mir zugelegt habe,
weil eine werdende Mutter im Geburtsvorbereitungskurs davon sehr angetan war und das Buch nicht zum Katalog der Stadtbücherei gehört. Nunja: Ich weiß nicht so ganz, was ich dazu sagen soll. Der Ton ist mir persönlich zu ideologisch und vermutlich an die Klientel gerichtet, die auch keine “schädlichen” Vorsorgeuntersuchungen in Anspruch nimmt und im Wald entbindet. Ich möchte eigentlich nicht bis zum Alter von zwei Jahren in Symbiose mit meinem Kind leben, damit ich auch rechtzeitig bemerke, wann es zum Klo getragen werden will; andererseits hält sich auch meine Lust, mehrmals täglich mit feuchten Lappen an die Entfernung von Scheisse von der Haut eines anderen Lebewesens zu gehen in Grenzen. Mal sehen.

Ganz allgemein wird es langsam ungemütlich, ich kann nicht mehr krumm dasitzen, weil sich mir dann früher oder später ein protestierender Fuß in die Leber bohrt und grade dasitzen kann ich
wegen des breiten Rückenmuskels auch nicht. Die Ärztin empfiehlt, sich nicht so aufzuregen und
viel zu liegen, dabei langweile ich mich. So hänge ich irgendwo zwischen grade und krumm vorm Rechner und versuche, meine verbleibenden Arbeitsstunden rechtzeitig vor Mitte Juni abzubauen, zwischendurch nähe ich Kram aus Altkleidern, den ich demnächst mal fotografieren und vorzeigen muss. Noch acht Wochen.

Da haben wir den Salat

Elmar kommt nach der Oma und ist seiner Zeit voraus, und zwar um drei Wochen. Ein Rechenfehler kann es nicht sein, das wäre früher aufgefallen und in der sechsten Woche war er noch zeitgerecht groß.
Ich habe heute Morgen versucht, ihm zu erklären, dass seine Vorfahren große Menschen sind, auch die Frauen. Er muss sich mit dem Wachsen also eigentlich nicht anstrengen, das kommt dann schon von selbst. Vorsichtig habe ich angemerkt, dass ich ein angestrengtes Wachsen zum jetzigen Zeitpunkt eventuell sogar für kontraproduktiv halte. Das bringt uns nicht voran, auch wenn es so scheint. Die inneren Werte zählen auch. Aber angeblich hören Kinder nie auf ihre Eltern, sie schlagen ihnen nur nach. Wenn das wahr ist, bekomme ich einen Riesen von neun Pfund (Pfund ist eine schöne Einheit, wie ich finde; grade der Gebräuchlichkeit beim Messen von Nahrungsmitteln und Neugeborenen wegen).
Außerdem wird die halbe Wohnung zur Zeit noch von Untermietern bewohnt, die für den Sozialdienst katholischer Frauen unser Einkommen steigern. Drei Wochen zu früh brächte ein Gemeinschaftserlebnis im Sinne der Siebziger mit sich, mit Wehenveratmen im Kreise der Kommune, während die Männer auf das neue Leben anstoßen. Juchee.

Beraten und verkauft

Was ich in der Zwischenzeit so gemacht habe: Das Leben auf die Reihe kriegen. Mich beraten lassen. Darüber verzweifeln. Eine Wohnung anmieten, auch darüber verzweifeln. Umziehen und immer noch überall Baustellen sehen, aber nicht mehr ganz so viele. Auf dem Balkon sitzen.
Ich ordne chronologisch und fange mit den Beratungsstellen an.

Inzwischen waren wir bei drei davon, was nicht an unserem übergroßen Bedarf liegt, sondern mit dem Umzug und den unterschiedlichen Zuständigkeiten der Stellen zusammenhängt. Was uns nicht so klar war: Wir sind ein schwieriger Fall.

Beratungsstelle Nr. 1: Das Studentenwerk München
Für die Frau vom Studentenwerk braucht man keinen Termin, man geht in die Sprechstunde. Man bekommt eine Aufzählung der eventuell möglichen finanziellen Hilfen, es gab dazu auch mal einen sehr schönen Flyer, aber der ist bis auf ein vergilbtes Exemplar (“Nur zur Ansicht”) vergriffen. Im Nachhinein war die Beratung zwar vollständig, aber nicht persönlich. Wenns konkret werden soll, muss man zum Bafög-Amt/Sozialamt/zur katholischen Beratungsstelle. Wohin wir dann auch gegangen sind.

Beratungsstelle Nr. 2: Der Sozialdienst katholischer Frauen München
Die katholischen Frauen wurden mir, so ehrlich muss ich sein, von meiner Mutter mit den Worten “Da bekommst du einfach Geld.” empfohlen. Ganz so einfach ist es nicht und es wird den katholischen Frauen auch nicht gerecht. Die haben kein Mitleid, geben sich aber alle Mühe, einem die Möglichkeiten zu erklären, die man so hat, um zu überleben. Als da wären: Hartz IV.

Die Lage stellt sich nämlich folgendermaßen dar: Für die Finanzierung des studentischen Lebensunterhalts sind die Eltern des Studenten zuständig, sind diese dazu nicht in der Lage, das Bafög-Amt. Um die wirklich Bedürftigen herauszufiltern und kein Geld an Bonzenkinder zu verschwenden gibt der Staat Summen aus, deren Höhe ich mir gar nicht vorstellen will. Der Aufwand geht bis zur Taschenkontrolle bei der Antragsstellung und ernährt sicher zahlreiche Beamtenkinder, auch studierende. Jeder Sonderfall (Studiengang gewechselt, gejobbt und deswegen länger gebraucht, etc.) fällt aus dem Raster und hat nur noch die Möglichkeit, noch mehr zu jobben oder einen Studienkredit aufzunehmen. Studierende im Urlaubssemester haben sich beim Arbeitsamt zu melden und vermitteln zu lassen. Grundsätzlich, auch wenn das Urlaubssemester beantragt wurde, weil aus dem einen oder anderen Grund nicht studiert und somit auch nicht gearbeitet (jawoll, da gibt es Schnittmengen!) werden kann.
Die Feststellung der Arbeitsunfähig- oder Unvermittelbarkeit liegt beim Amt, verlangt einen 20-seitigen Antrag, die Offenlegung sämtlicher Vermögensverhältsnisse und dazu die Zuweisung eines sogenannten Erstvermittlers. Das alles wohlgemerkt auch dann, wenn die Studierende das Urlaubssemester beantragt hat, weil sie sich nicht in der Lage sieht, ein Neugeborenes zu versorgen und gleichzeitig voll zu studieren: Das Amt wird versuchen festzustellen, ob sie nicht doch noch auf dem Arbeitsmarkt vermittelbar ist und seine Zuwendungen davon abhängig machen.
Von einer Juristin habe ich gelernt, solche Seltsamkeiten immer danach zu untersuchen, ob sie ausgenutzt werden könnten; das ist hier natürlich der Fall, ich will mich gar nicht beschweren.
Wenn nun zwei Einkommen, die vorher zwei Studierende ernährt haben, auf einmal für drei reichen sollen und ein Einkommen auch noch weniger wird, was kann man da tun?

Nunja, dachten wir uns, da kann man sicher Wohngeld beantragen, Kindergeld bekommt man ja auch, dann erzählten uns ähnlich schwach situierte Bekannte noch vom Kindergeldzuschlag, das sollte ja dann reichen. Die Bekannten rieten, sich überhaupt keine Sorgen zu machen, man könne sich vor Beihilfen förmlich nicht retten. Was wir nicht wussten: Die Bekannten verdienen doch etwas mehr als wir. Das macht sie in den Augen des Staates aber nicht etwa weniger berechtigt, Hilfen zu empfangen. Im Gegenteil, der gute Vater Staat vergibt sowohl Wohngeld als auch Kindergeldzuschlag erst ab einem gewissen Mindesteinkommen. Wer darunter liegt, hat a) beim Wohngeldantrag geschummelt und verdient in Wirklichkeit mehr oder er ist b) ein hoffnungsloser Fall, der sich noch nicht mal bemüht und dessen Finanzen man am besten gleich dem Amt überlässt.

Was zu viel oder zu wenig ist, kann niemand so recht einschätzen, auch nicht der Sozialdienst katholischer Frauen. Offensichtlich verdiene ich zu viel, um signifikante Summen an Hartz IV zu bekommen, wir gemeinsam aber so wenig, dass selbst für einen Antrag auf Hilfen aus dem Fonds der katholischen “Stiftung Mutter und Kind” noch ein bißchen gemogelt werden muss. Für Wohngeld ist es tendenziell auch zu wenig, dafür muss man nämlich mindestens so viel verdienen, wie einem nach Hartz IV zusteht, plus die Kaltmiete der Wohnung, Kindergeld nicht eingerechnet. Das wird knapp. Auch käme ich, verdienten wir tatsächlich deutlich mehr als das, gar nicht auf die Idee, Wohngeld zu beantragen, dann könnten wir uns die Bude ja problemlos leisten.
Beim Kindergeldzuschlag sieht es ähnlich aus, dafür müsste entweder mein oder unser gemeinsames Einkommen innerhalb gewisser Grenzen liegen. Diese gibt es nicht schwarz auf weiß, weshalb man versuchen muss, aus dem Kopfwiegen der Beratungsdame eine Tendenz herauszulesen. Was nicht einfach ist, die Dame hat Jahrzehnte Erfahrung darin, nicht zu viel zu versprechen, allerdings: “Isch geb mer Mühe.”

Und das hat sie wohl mit so viel Erfolg getan, dass der Umzug finanziert und die Lage nicht hoffnungslos ist. So siehts aus. Der Sozialdienst katholischer Frauen hat mir den Arsch gerettet, dabei geh ich nie in die Kirche. Ob ich deswegen jetzt ein schlechtes Gewissen haben muss, darüber bin ich mir noch nicht ganz einig mit mir selbst.
Im Moment fühlt es sich zumindest wichtig an, das den Damen zurückzuspenden, sobald ich dazu in der Lage bin. Ich hoff ich erinnere mich dann noch daran.

Anträge für Aufgeweckte #3: Die Vaterschaft anerkennen

Die vorgeburtliche Vaterschaftsanerkennung findet auf dem Kreisverwaltungsreferat bzw. Standesamt statt. Dorthin hat man eine Anzahl Dokumente mitzubringen, die online aufgelistet sind. Vor Ort wird man dann nach Dokumenten gefragt, die nicht in der Liste stehen, heute morgen von einer gereizten Blondine, deren Laune gestern Abend schon angefangen haben muss, zusammen mit dem Wetter abzukühlen.
Die Dame tippt dann eine Weile schweigend herum, man muss eine Urkunde unterschreiben, das wars. Wir mussten drei Urkunden unterschreiben, weil Blondie zuerst meinen zweiten Vornamen in die Zeile für den Familienstand geschrieben und dann zur Korrektur einfach das Leerzeichen zwischen den beiden Vornamen gelöscht hatte. Als ich das fehlende Leerzeichen bemängelte, war ihre Geduld am Montagmorgen wohl endgültig erschöpft, sie nannte mich pingelig und befand im Gegenzug meine Unterschrift für unleserlich, die hätte ich nochmal in Druckbuchstaben zu wiederholen.
Pingelig finde ich nun das falsche Wort dafür, dass ich in einem offiziellen Dokument meinen richtigen Namen stehen haben möchte. Aber ich arbeite auch nicht beim Amt.
Sie hat die Version ohne Leerzeichen dann behalten, als Kopie fürs KVR, ohne meine Unterschrift. Ich bin gespannt, ob das nochmal auffällt.
Mit der Anerkennung der Vaterschaft ist übrigens noch nichts über das gemeinsame Sorgerecht und den Namen des Kindes gesagt. Ersteres muss man gesondert und kostenlos beim Jugendamt beantragen, letzteres auch, oder man zahlt Blondie eine Aufwandsentschädigung von 25 Euro, dann trägt sie den Namen schonmal ein. Die Wahl fiel nicht schwer.

Haarige Geschichten

Soeben eine vermeintlich idyllisch abfallende Hügellandschaft gezeichnet, nur um dann festzustellen, dass es aussieht wie ein Hintern.
Kinderbücher sind übrigens das Paradies für die Grafikerin mit seltsamem Humor, auch da darf heutzutage nach Herzenslust zu schönen Zeichnungen gefurzt werden. Was heißt heutzutage, schon als ich klein war, wurde in einem unserer Bücher einem Maulwurf auf den Kopf defäkiert und er musste sich durch mindestens ein Dutzend Seiten mit dem Haufen auf dem Kopf quälen, bis der Verursacher gefunden war. Aber er hat nie aufgegeben und sich seiner lächerlichen Lage nicht geschämt. Eine Geisteshaltung, mit der er ein guter Student oder Wutbürger hätte werden können, oder eine Figur im Tatort (ich denke an diesen Gerichtsmediziner aus Norddeutschland, mir fällt nur grade nicht ein wo, da gibt es viele Fahrräder).
Dann gab es noch die Raupe, die immer noch mehr Hunger hatte, an der scheint sich S. ein Beispiel genommen zu haben. Immer wenn man denkt, jetzt könnte ich aber wirklich nichts mehr essen, fällt ihm ein, dass er noch gar keinen Nachtisch hatte.
Auch äußerst nützlich: Das Buch, in dem hundert Verwendungsmöglichkeiten für eine tote Katze aufgeführt waren, von der Klobürste bis zum Fahrradständer.
Des weiteren bin ich bis heute dankbar für den Anti-Struwwelpeter, in dem ein halbwüchsiger Punk sich sein wirres Haar nicht schneiden lassen will und seine Freunde einläd, um mit ihnen gemeinsam dem Frisör aufzulauern.
(Im Ernst, den echten Struwwelpeter lese ich ganz sicher niemandem vor, von dem könnte ich heute noch Albträume bekommen. Es gibt keinen Grund, irgendjemand in dem Glauben aufwachsen zu lassen, er bekäme mit einer Riesenschere den Daumen abgeschnitten, sollte er es wagen, dran zu lutschen. Meine Oma hatte auch noch wirklich so eine Schere. Und was man da für sexualpädagogische Untertöne hören kann, wenn man will, huiuiui.)
Dann gab es natürlich noch “Elmar”, wenn ich mich recht erinnere geht es da um einen bunten Elefanten, der wird dann immer ausgegrenzt, bis über Nacht jemand alle anderen Elefanten auch bunt anmalt.. Integrationspädagogik, schnarch.
Aber “Eddie mit den eckigen Augen” muss her, oder wiedergefunden werden, je nachdem. Bei Amazon ist es leider grade vergriffen. Das ist sowohl thematisch (Kind starrt so lang in den Bildschirm, bis es nur noch in Pixeln sehen kann) wie vom Design her jetzt noch viel aktueller als früher. Es bestand kaum je eine Gefahr, dass ich zu lang in unseren gebrauchten Fernseher mit den dreieinhalb Programmen schaue, aber heute haben sie ja schon im Kindergarten Facebook.
Dann hatten wir noch eins, in dem ein auf zwei Beinen gehender Tiger an der Tür klingelt, als Mutter und kleine Tochter grade Tee trinken wollen. Der Tiger isst die Voratskammer und den Kühlschrank leer, trinkt alles Wasser aus dem Hahn und verzieht sich wieder. Als der Vater nach Hause kommt, ist nichts mehr da und es muss Dosenfraß aufgewärmt werden. Ich durchschaue ehrlich gesagt nicht, ob die Geschichte eine tiefere Bedeutung haben soll oder nicht und stehe ihr deswegen etwas skeptisch gegenüber. Aber ich habe das Buch letztes Jahr im Museumsladen der Pinakothek der Moderne gesehen, es war auch wirklich schön gezeichnet.
Vorhin im Buchladen war ich schwer in Versuchung bei “Olga, Henrike und die haarige Geschichte mit dem Austauschfranzosen”, weil ich die Geschichte wirklich hören wollte. Inzwischen vermute ich, dass das Taktik war, geschätzte 70% der deutschen Schüler könnten eine haarige Geschichte von einem Austauschfranzosen erzählen. Der Franzose im Buch stellt sich glaube ich als Werwolf heraus, also nichts, das einen groß überraschen würde.

Dafür habe ich bisher noch gar kein Interesse an niedlichen Stramplerchen, Söckchen oder Ähnlichem. Es ist mir egal. Solange es keine Löcher hat und noch sauber wird, verwende ich es. Ist auch besser so, aus Büchern wächst man nicht so schnell raus.